Gedanken

Zum Volkstrauertag 2007

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

vor einigen Tagen hielt ich bei einem Geburtstagsbesuch einer 90jährigen Dame ein Foto in der Hand.

Es war schwarz-weiß und zeigte Spuren der vielen Jahre, die es unter Glas auf dem Nachttisch dieser Dame gestanden hatte.

Auf dem Foto war ein junger Mann zu sehen, in Uniform, lachend und voller Energie. Jedoch unter dem Bild stehen drei Worte und eine Jahreszahl – gefallen in Russland, 1945.

Als ich zu der alten Dame sah, erkannte ich Tränen in ihren Augen. „Er war mein Mann, er kam nicht zurück aus Russland. Seinen Sohn hat er nie kennen gelernt. War er nicht ein stattlicher Bursche?“ die alten Augen lächelten so als würde ein junges Mädchen verliebt von seinem Freund schwärmen. 

„Gefallen“ – wissen junge Menschen heute, was dieser Begriff bedeutet?

„Gefallen“ – in Verbindung mit einer Jahreszahl und einem Soldatenfoto bedeutet unendliches Leid, es bedeutet fern der Heimat, oftmals allein und unter unbändiger Angst den Verlust des Lebens. Dahin verbergen sich unzählige ungewisse Schicksale, oftmals Massengräber oder ein Grab auf dem Grund des Meeres.

Als mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, beginne ich zu frieren. Das unvorstellbare Erleben dieser Menschen geht mir unter die Haut. 

 Aber ich denke auch an die, die zurückgekommen sind, die heimkehrten. Viele dieser Männer waren am Körper verletzt. Mancher Soldat ließ Gliedmaße im Krieg oder litt unter den Bombensplittern, die sich im ausgemergelten Körper befanden. Aber was ist mit den Seelen? Ist das Erlebte überhaupt zu verarbeiten gewesen?

Die alte Dame reichte mir ein weiteres Bild. Eine junge Frau lachte mir entgegen. „Das ist meine Enkelin. Sie war einmal in Russland. Genau dort, wo ihr Großvater gefallen ist. Sie hat Blumen an diese Stelle gelegt. Das hat mir gut getan. So habe ich das Gefühl, dass er dort doch nicht so einsam und verlassen ist. Diese Karte hat sie mir aus Russland geschrieben“, und sie gab mir eine abgegriffene Postkarte, sicher schon hundertmal gelesen.

Liebste Oma,

heute war ich bei Opa. Ich habe ihm von Dir erzählt, von Papa und mir. Ich war ihm ganz nah. Heute ist mir ganz deutlich geworden, welch großes Geschenk ich jeden Tag bekomme: „Frieden“. Es grüßt Dich herzlich Deine Anne

„Finden Sie nicht auch, dass es gut ist, wenn junge Menschen erkennen, wie wichtig der Frieden ist“, fragte mich die Jubilarin.

Ja, es ist wichtig! Noch Stunden nach diesem Geburtstagsbesuch ging mir diese Geschichte durch den Kopf.

62 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges fallen immer noch Menschen. Sie fallen durch Bombenterror. Fallen, weil Fanatismus stärker ist als Menschlichkeit.

In unserer modernen Zeit hat der Krieg einen neuen Namen bekommen.

Wir fürchten den weltweiten Terror, der über uns schwebt und unberechenbar grausam zuschlägt, gleich ob Mann, Frau oder Kind getötet wird.

Am 18. November 2007 ist Volkstrauertag!

Bitte halten Sie an diesem Tag inne. Erinnern Sie sich an die schrecklichen Auswirkungen von Krieg, Gewalt und Terror.

Beten Sie, dass wir, unsere Kinder und Enkel verschont bleiben von den Schrecken durch Gewalt.

„Friede auf Erden“ – diese drei Worte aus dem Lukas-Evangelium haben bis heute nicht an Wichtigkeit verloren.

Von Herzen wünsche ich uns, dass diese 3 Worte uns begleiten mögen.

Gott schütze Sie

Ihre Editha Lorberg