Gedanken

Zum Volkstrauertag 2012
Meine Damen und Herren,

 

Winter 1943!

In einem kleinen Dorf in der Nähe von Bad Gandersheim kommt ein Brief an. Ein lang ersehnter Brief.

Gerichtet an eine Mutter und eine kleine Schwester, die seit vielen Wochen auf diese Nachricht gewartet haben.

Auf die Nachricht vom Sohn und Bruder aus Russland.

Meine liebe Mutter, kleine Ursel,

- so beginnt der Brief-

bald ist Weihnachten und ich wäre in diesem Jahr so gerne bei Euch gewesen. Aber es sieht so aus, als würde sich dieser Wunsch nicht erfüllen.

Also wartet lieber nicht auf mich, denn das Warten ist schlimm und macht das Herz nur schwer.

Mir geht es gut, auch wenn mich die Läuse so sehr geplagt haben, dass ich mir die Haare abrasiert habe.

Du würdest sicher über mich lachen, wenn Du mich so sehen könntest, kleine Ursel.

Hoffentlich bekommst du mit deinen langen Haare niemals Läuse, sonst müsste Mutter Dir am Ende noch deine schönen Zöpfe abschneiden.

Ach Mutter, ich denke so oft an Deine gute Kartoffelsuppe.

Was würde ich dafür geben, nur einen Teller essen zu können.

Wenn ich nach Hause komme, wünsche ich mir einen ganzen Topf voll und ich werde von morgens bis abends drei Tage lang nichts anderes essen.

Du würdest sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn Du meine durchlöcherten Socken sehen könntest.

Wir haben aber kein Flickzeug und darum müssen die Socken so bleiben, wie sie sind.

Hier liegt schon viel Schnee und der Wind pfeift uns kräftig um die Ohren.

Ich hoffe sehr, dass die Temperaturen nicht noch weiter in den Keller gehen.

Manchmal fällt das Atmen richtig schwer in der eisigen Luft.

Selbst in unseren Hütten wird es nicht mehr warm und darum zittert meine Hand beim Schreiben.

Liebe Mutter, mach Dir keine Sorgen um mich. Es geht mir gut.

Ich denke immer daran, dass Du mit der ganzen Arbeit allein zu Hause bist und ich Dir nicht helfen kann.

Das ist das Schlimmste für mich.

Ursel sei artig und geh immer brav ins Bett.

Ich schnitze Dir ein kleines Pferd.

Leider kann ich das zu Weihnachten nicht schicken, denn Päckchen sind nicht erlaubt.

Ich bin schon froh, wenn unsere Briefe die Heimat erreichen.

Aber wenn ich nach Hause komme, freut Du Dich bestimmt auch noch darüber.

Liebe Mutter, ich wünsche Dir und Ursel ein schönes Weihnachtsfest und hoffe, dass Ihr bei Tante Hermine den Weihnachtsabend verbringt.

Meine Gedanken sind bei Euch und wenn ich eine Kerze auftreiben kann, dann zünde ich sie für Euch an.

Bis bald, Euer Alfred

Mein Onkel Alfred ist im Juni 1944 gefallen.

Ich habe ihn nicht gekannt und doch ist er mir aus all den Erzählungen meiner Großmutter und meiner Mutter sehr vertraut. Er war warmherzig, liebevoll und zuverlässig – ganz sicher kein Held!

Wie sinnlos, habe ich so oft gedacht.

Wie schmerzvoll muss die Zeit der Angst, der Sorge und Ungewissheit gewesen sein. Wie schlimm muss das Heimweh sein und wie groß die Verzweiflung.

Wie viele Briefe sind aus dem Krieg hier in Berenbostel angekommen?

Wie viele Mütter, Frauen und Kinder haben auf die Nachricht vom Bruder Vater und Sohn gewartet?

Und wie viele Tränen wurden geweint, weil der Krieg erbarmungslos behielt, was zu Hause so sehnsüchtig erwartet wurde?

Wie grausam hat sich der Krieg in die Herzen der Menschen gefressen.

Und wie grausam frisst er sich noch heute hinein.

Denn auch heute gibt es Angehörige, die sich um ihre Lieben sorgen, weil sie sich im Ausland für Frieden und Stabilität einsetzen.

 

Auch heute kommen dabei Soldaten ums Leben. Die Schrecken des Krieges sind nicht vergessen.

Sie sind real und Teil einer Wirklichkeit, die sich zwar nicht in unserem Land, doch unter Beteiligung unserer Soldaten abspielt.

Überall auf der Welt kämpfen Menschen für Freiheit und Gerechtigkeit, gegen Macht und Gier.

Sie setzen ihr Leben aufs Spiel und verlieren es unter Umständen.

Aber sie glauben an eine bessere Welt und wollen gegen Diskriminierung, Unterdrückung und Folter aufstehen.

Wie arm ist eine Welt in der man so oft Gewalt mit Gewalt begegnen muss. In der es nicht möglich scheint, ohne Krieg, Terror und Unterdrückung zu leben.

Vor einigen Jahren besuchte ich die Deutschen Siedlungsgebiete in Kasachstan. Dort traf ich einen alten Mann, Johann war sein Vorname.

An den Nachnamen erinnere ich mich nicht mehr.

Er gehörte zu den Vertriebenen Deutschen, die in die Steppe Kasachstans verschleppt worden waren.

Er erzählte mir vom Krieg und wie knapp er dem Tode entkommen war. Vielen anderen Deutschen war das nicht gelungen.

Sein alter Körper war völlig ausgemergelt, doch seine Augen glänzten lebendig, als er meine Hand nahm und mir mit klaren Worten sagte: Kindchen, grüß mir meine Heimat, mein Deutsches Vaterland.

Es gibt keinen Tag, an dem ich mich nicht nach der Heimat sehne, aber ich werde sie in diesem Leben niemals wiedersehen.

Jede Form von Krieg, Gewalt und Terror bringt den Tod mit sich. Aber all das hinterlässt auch tiefe Narben.

Viele dieser Narben liegen auf den Seelen der Menschen.

Sie brennen sich für immer ein und begleiten einen ein Leben lang.

Bis heute spüren wir die Folgen des Krieges. Bis heute leiden noch immer viele Menschen darunter.

Friedland, das Tor zur Freiheit, durch das unzählige Heimkehrer und Vertriebene strömten, ist auch heute ein wichtiges und lebendiges Mahnmal.

Den Krieg überlebt, die Flucht und Vertreibung überstanden, die Strapazen ertragen – das sind Erinnerungen, die noch heute wach sind.

Aber es gibt auch Kriegsfolgen, die in unserer Zeit kaum als solche wahrgenommen werden.

Ich denke dabei an die Bombenräumungen.

Sie kennen das, im Radio wird angekündigt, dass eine Bombe entschärft werden muss.

Menschen werden evakuiert, Straßen gesperrt.

Ja, das ist ärgerlich für die Betroffenen.

Aber wer denkt schon daran, dass das Bombenräumkommando anrücken muss, weil im Krieg diese Blindgänger abgeworfen wurden?

Meistens geht es gut. Die Bombe kann entschärft werden.

Doch vor noch nicht allzu langer Zeit ging es nicht gut und zwei Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes fanden in Göttingen den Tod, weil sie die Folgen des Krieges beseitigen wollten.

So grausam kann der Krieg noch Jahrzehnte nach seinem Ende zuschlagen.

Und Jahrzehnte nach Kriegsende suchen noch immer Angehörige nach Vermissten Personen.

Niemals wirklich Gewissheit über das Schicksal eines geliebten Menschen zu haben, ist schrecklich.

Es ist wie ein Abschied ohne Ende.

So wie meine Großmutter sich Zeit ihres Lebens nicht von den Briefen ihres Sohnes trennen konnte, dürfen wir uns niemals von der Verantwortung trenne, die Erinnerung an Krieg, Verfolgung und Vertreibung als Mahnung im Gedächtnis zu behalten.

Ich verneige mich vor den Soldaten, die für unser Land, ihr Leben ließen.

Ich verneige mich vor den Menschen, die ihr Leben verloren haben, weil sie sich für Menschenrechte und Freiheit eingesetzt haben.

Ich verneige mich vor denen, die an eine bessere Welt glaubten und sie nie erleben durften.

Ich verneige mich vor den vielen unschuldigen Männer und Frauen, Alte und Kinder, die dem Krieg ebenso wie unsere Soldaten zum Opfer fielen.

Ich danke allen, die sich heute für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen und ich danke allen, die dafür sorgen, dass die grausamen Erinnerungen an Krieg und Gewalt nicht in Vergessenheit geraten.

Ich danke allen, die sich um die Gedenkstätten und die Gräber unserer gefallenen Soldaten kümmern und sind diese auch noch so weit von der Heimat entfernt.

Haben auch Sie einen Brief zu Hause, der vor vielen vielen Jahren aus dem Krieg bei Ihnen ankam?

Haben Sie einen Brief zu Hause, der erst vor Kurzem aus dem Ausland kam, wo unsere Soldaten eingesetzt sind?

Diese Briefe sind Zeugen einer Welt, die leider nicht ohne Krieg, Terror und Gewalt ist.

Doch jeder dieser Briefe sagt uns auch: Verliert niemals den Glauben an eine friedliche Welt!

 

Gott schütze unsere Heimat -

Gott schütze Sie!