Gedanken

Volkstrauertag 2016

Rede zum Volkstrauertag 2016 in Garbsen-Stelingen - Editha Lorberg

-Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Ortsbürgermeister Baesmann,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie in das Jahr 1942 mitnehmen!

"Wenn ich groß bin, will ich Soldat werden. Ich will in den Krieg ziehen, wie Papa. Bitte Mama, bitte! Darf ich?" Der kleine Junge sah seine Mutter mit großen erwartungsvollen Augen flehend an.

Sie antwortete nur: "Wir werden sehen!" In Gedanken schickte sie ein Gebet in den Himmel: Lieber Gott lass diesen Wahnsinn zu Ende gehen, bevor mein Junge groß genug ist, um in den Krieg zu ziehen!

Immer wieder lag der Junge seiner Mutter mit dieser Bitte in den Ohren. Dann endlich, drei Jahr später war es so weit. Der Krieg war vorbei. Der Junge war wütend und traurig. Schließlich wollte er doch auch in den Krieg ziehen. Er wünschte sich tatsächlich den Krieg zurück. Er hatte nicht verstanden, was dieser Krieg angerichtet hatte. Nicht, dass die Brüder seiner Mutter gefallen waren. Nicht, dass sein Vater in Russland vermisst wurde und nicht zurückkommen würde. Nicht, dass sein Opa mit nur einem Bein zu Hause ankam und die Qualen und Schmerzen ihn nur wenige Wochen nach seiner Rückkehr sterben ließen.

Seine Mutter konnte sich nicht mit den Folgen des schrecklichen Krieges abfinden. Tod und Einsamkeit, harte Arbeit und diese große Angst vor einem neuen Krieg hatten sie gebrochen. Und so starb sie kurz bevor der Junge 20 Jahre alt wurde. An ihrem Grab sprach der Pastor von den tiefen Wunden, die der Krieg in der Seele der Mutter hinterlassen hatte. Er sprach von der Angst vor einem neuen Krieg, die sie bis zu ihrem Ende so bange verfolgt hatte.

In diesem Moment verstand der junge Mann zum ersten Mal, was er da ständig von seiner Mutter gefordert hatte. Auf einmal war ihm klar, wie sehr er die Angst seiner Mutter wieder und wieder hervorgerufen haben musste. Doch nun war es zu spät. Er konnte seiner Mutter nicht sagen, wie leid ihm das alles tat und welch großer Dummkopf er doch gewesen ist.

Als ich die Geschichte hörte, war aus dem Jungen längst ein alter Mann geworden. Er fragte mich, ob ich verstehen könne, wie sehr er sich selber für dieses Verhalten gegenüber seiner Mutter hasste.

Was sollte ich ihm antworten. Darauf gab es keine Antwort. Dafür habe ich ihm eine Frage gestellt: Wie halten Sie es heute mit Ihren Kindern? Was sagen Sie ihnen über den Krieg?

Er dachte einen Augenblick nach, dann antwortete er: "Ich habe Ihnen schonungslos die Wahrheit über den Krieg gesagt. Über das Leid und den Kummer. Über Zerstörung und Tod. Ich habe ihnen gesagt, dass nichts gut ist am Krieg."

"Dann haben Sie so viel getan. Sie haben ihren Kindern das wahre Gesicht des Krieges gezeigt. Sie haben ihnen erklärt, was damals geschah und welche Folgen das hatte. Ihre Kinder wissen heute ganz sicher, dass so etwas nicht wieder passieren darf. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit sich Frieden schließen. Es wird höchste Zeit."

Wir müssen die Vergangenheit kennen, um nicht noch einmal die gleichen Fehler zu machen.

Meine verehrten Damen und Herren,

ich habe in meinem Leben viele Geschichten und Berichte aus und über den Krieg gehört und gelesen. Die meiner Eltern zum Beispiel.

Ich habe eine Nachricht aus dem 1. Weltkrieg gelesen von einem 19jährigen Soldaten, der im Schützengarben seine Angst und Verzweiflung auf Zigarettenpapier geschrieben hat. Das Papier fand den Weg in die Freiheit. Der junge Soldat starb im Schützengraben.

Ich habe die Briefe meines Onkels gelesen, die er aus Russland im 2. Weltkrieg an meine Oma geschrieben hatte. Sie sin Zeugen für den absoluten Wahnsinn, der damals passierte und dem die jungen Männer nicht entkommen konnten.

Ich könnte von der Mutter und ihren drei Kindern aus Tschetschenien berichten, die vor 14 Jahren zu uns flüchteten. In den vergangenen Tagen sind ihre Töchter übrigens eingebürgert worden. Was für ein langer Weg in eine gute Zukunft.

Und ich kenne die junge Familie aus Syrien, die sich mit drei Kindern auf die Flucht begab aber nur mit zwei Kindern hier ankam. Das Jüngste hat auf dem langen Weg eine Lungenentzündung bekommen und nicht überlebt. Was für ein schmerzlicher Neubeginn.

Und dann denke ich über unsere wunderschöne Erde nach. Sie ist so kostbar und was machen wir daraus?

Mit Sorge blicke ich auf das Europa, in dem es keine Solidarität mehr zu geben scheint und in dem jeder nur noch sich selber sieht.

Mich ängstigt ein Putin, der seine Muskeln spielen lässt und mit Gewalt das nimmt, was er haben will. Herr Erdogan benutzt Flüchtlinge für deine Machtspiele und vergisst dabei alle Menschenrechte, die uns so wertvoll sind.

Ja, und was wird aus Amerika. Dort ist alles so unberechenbar. Ich hoffe sehr, dass es dort Menschen gibt, die gut aufpassen, dass der neue Präsident nicht alles über Bord wirft, was die Menschlichkeit betrifft.

Voller Trauer blicken wir heute auf Paris. Vor einem Jahr hat der IS dort viele Menschen in den Tod gerissen und uns gezeigt, wie nah das Grauen der Neuzeit ist.

Auch bei und in Deutschland und Niedersachsen blicken wir sorgenvoll in die Zukunft.